Verfasst von Bianka Haacker (Bezirksgruppenleitung Stuttgart)
Durch unsere Tradition der Abendspaziergänge in den verschiedenen Stadttei-len von Stuttgart, um Stadtteile besser kennen zu lernen, kamen wir auf die Weissenhofsiedlung und den Stadtteil Weißenhof zu sprechen. Nicht erst heu-te ist mir aufgefallen, dass man sich oft in anderen Ländern und Städten bes-ser auszukennen scheint, als dass man seinen eigenen Wohnort kennt. Dies wollten wir mit dem Besuch im Weissenhofmuseum und der Weissenhofsied-lung ändern, auch wenn daraus jetzt, wegen der besseren Sicht am Tag im November, kein Abendspaziergang geworden ist.
Veranstaltungsort war: Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier, Rathen-austr. 1, 70191 Stuttgart. Zu erreichen ab Hauptbahnhof Stuttgart mit der Buslinie 44 in Richtung Pragsattel, Haltestelle Kunstakademie. Von dort sind es wenige Gehminuten.
Weißenhof ist ein 2001 geschaffener Stadtteil von Stuttgart. Zusammen mit den zehn Stadtteilen Am Bismarckturm, Am Pragfriedhof, Am Rosenstein-park, Auf der Prag, Heilbronner Straße, Killesberg, Lenzhalde, Mönchhalde, Nordbahnhof und Relenberg bildet er den Stadtbezirk Stuttgart-Nord. Der Name Weißenhof geht auf einen gleichnamigen landwirtschaftlichen Betrieb an der oberen Birkenwaldstraße zurück, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Bäckermeister Philipp und Sebastian Weiß gegründet worden war. Im Südwesten des Stadtteils liegt die Weissenhofsiedlung.
Die Weissenhofsiedlung in Stuttgart zählt weltweit zu den wichtigsten Archi-tekturdenkmälern. Das Doppelhaus und das Einfamilienhaus von Le Corbusier in der Weissenhofsiedlung gehören zum Welterbe der UNESCO.
Die Weissenhofsiedlung wurde 1927 vom Deutschen Werkbund in Stuttgart als zentraler Bestandteil der Ausstellung ›Die Wohnung‹ errichtet. Diese Häu-ser wurden kontrovers diskutiert. In fortschrittlichen Kreisen wurde die Weis-senhofsiedlung zumeist begeistert aufgenommen, Traditionalisten und Natio-nalisten verunglimpften sie hingegen als "Araberdorf".
Das Weissenhofmuseum in Stuttgart ist ein 2006 eröffnetes Museum für Ar-chitekturgeschichte. Es befindet sich in einem von den Architekten Le Corbu-sier und Pierre Jeanneret entworfenen Doppelhaus in der Weissenhofsiedlung.
In einer Bewertung heißt es: Sehr interessant, welche revolutionäre Wohn- und Bau-Ideen vor rund 100 Jahren in Stuttgart vorgestellt wurden. Die "Gro-ße Führung", auch mit kurzem Weg an anderen Häusern des Ensembles vor-bei, lohnt sich. Vieles, was wir heute als modernes oder praktisches Wohnen empfinden, hatten die Werkbund-Architekten damals schon in die Praxis um-gesetzt und waren ihrer Zeit weit voraus.
Im Museum konnten wir alle verfügbaren Häuser als Modell erfühlen. Diese zumeist bewohnten Häuser, können beim Rundgang in der Weissenhofsied-lung angeschaut werden. Hierfür reichte uns die Zeit an diesem Tag nicht mehr.
Letztendlich buchten wir die Maxi-Führung von 11:00 bis 13:00 Uhr. Wegen der engen Räumlichkeiten und der Raumakustik wird eine Gruppengröße von zehn Personen empfohlen. Bei großem Interesse sind auf Anfrage auch zwei Gruppen parallel möglich.
Die Option, möglichst platzeffizient zu leben und zu bauen, zeigte sich in der zweiten Haushälfte, die wir im Anschluss besichtigten. Bei fehlendem und be-zahlbarem Wohnraum ist dies auch heute ein wichtiger Faktor.
Die zweite Haushälfte ist im damaligen Stil und der Funktionalität der 1920er Jahre eingerichtet, d.h. es können Schrankbetten aus- und eingeklappt wer-den oder Wände zur Raumtrennung eingeschoben bzw. wieder zurückver-schoben werden. Große bzw. lange Fenster und Dachterrassen sowie große Gartenflächen sollten die Bewohner mit Frischluft und Sonnenbad erfreuen. In diese Zeit fällt auch die Kreation der "Frankfurter Küche", die platzsparend ist. Aufgrund der sehr sensiblen Architektur des Hauses, sind im Museum sämtli-che Taschen und Rucksäcke einzuschließen. Das Haus kann zudem nicht bar-rierefrei umgebaut werden, verfügt also über keinen Treppenlift oder Aufzug. Die Flure sind zudem sehr platzeffizient konzipiert, meist nur ca. 60 cm breit. Breitschultrigen Herren oder hochschwangeren Frauen bietet das Haus kein Durchkommen. Für Rollstühle oder Rollatoren gilt dies ebenfalls. Im einge-richteten Hausteil, wodurch wir uns in verschiedenen Etagen bewegten, ist gute Trittsicherheit, ein eingespieltes Team oder ein kräftiger Arm hilfreich, da die Geländer oft tief angesetzt sind bzw. Geländer schon vor Ende der Trep-pen enden.
Da wir die ersten blinden und sehbehinderten Besucher*Innen dort waren, hatte ich die Teilnehmenden um Rückmeldung ihrer Eindrücke gebeten. Mein Dank gilt den vier Personen, die meiner Bitte nachkamen. Diese wichtigen Rückmeldungen und Verbesserungswünsche, natürlich ohne persönliche Da-ten gemäß des Datenschutzes, wurden an das Weissenhofmuseum weiterge-geben. Diese sind ein wichtiger Beitrag für das Museum und zukünftige Grup-pen zur weiteren Umsetzung der Barrierefreiheit für blinde und sehbehinderte Menschen.
In der Gaststätte "Lautenschlager", Nähe Hauptbahnhof Stuttgart, konnten wir in gemütlicher Runde die Veranstaltung ausklingen lassen. Die Speisen sind sehr gut, die Preise dort entsprechen dem Stuttgarter Preisniveau. Leider gibt es keine abgeschlossenen Räumlichkeiten für Gruppen, so dass Unterhal-tungen aufgrund der Akustik nur mit den umgebenden Personen möglich wa-ren. Unser Kellner war sehr aufmerksam und hat sich gut auf unsere Bedürf-nisse eingestellt.
Wirtshaus Lautenschlager, Lautenschlagerstraße 24, 70173 Stuttgart